Geigenunterricht nach der Suzuki-Methode

Die Suzuki-Methode

Kleine Kinder nehmen zwischen Spielen und Lernen keine bewusste Trennung vor. Sie spielen und lernen zugleich. Da sie sich ständig bewegen, erschließen sie sich allmählich einen größeren Handlungsspielraum. Wenn sie in das Fragealter kommen, erweitern sie ihren Wortschatz und damit zugleich auch ihre geistige Entwicklung. Das intensive Spielen der Kinder ist die Grundlage für die Entwicklung der Arbeitsfähigkeit mit zunehmendem Alter.

Gruppenunterricht.

Suzuki hat diese naturgegebenen Eigenschaften von Kindern genau beobachtet und bewußt in das pädagogische Konzept seiner Unterrichtsmethode eingebaut. Formuliert hat er dies in einem wunderschönen Satz:

«Jegliche Art von Erziehung sollte damit beginnen, Kinder Vergnügen an einem Spiel gewinnen zu lassen, wobei die Lust am Spiel sie schon auf den rechten Weg führen wird.»

Shinichi Suzuki

Der Spracherwerb als Vorbild für kindgemäßes Lernen

Ein entscheidender Ausgangspunkt für die Suzuki-Methode war die Beobachtung, wie japanische Kinder ihre Muttersprache erlernen. Suzuki erkannte, daß allen Kindern Japans eines gemeinsam ist, nämlich daß sie eine so komplexe Sprache wie die japanische mühelos durch Nachahmung erlernen. Bereits mit fünf Jahren können japanische Kinder ca. 4000 Worte wiedergeben, weil sie ihre Muttersprache von klein auf sprechen. Suzuki verstand, daß es beim Erlernen der Muttersprache kein Versagen gibt, daß jedes Kind sein eigenes Lerntempo bestimmt. Kinder – so stellte Suzuki weiter fest, verfügen über die besondere Gabe, Sprache mit großer Exaktheit, sogar mit den feinsten Nuancen lokaler Dialekte, wiederzugeben. In seinem Buch «Erziehung ist Liebe» stellt Suzuki die Frage:

«Wie kommt es, daß es jedem Kinde leicht beizubringen ist, seine Muttersprache zu sprechen; und warum werden die gleichen Kinder mit einigen Schulfächern nicht fertig, obgleich sie sich damit ebenso viel Mühe geben?»

Für Suzuki war es zunächst unerklärlich, daß dieselben Kinder, die die bemerkenswerte Leistung vollbracht hatten, eine komplizierte Sprache zu erlernen, in anderen Bereichen zum Beispiel versagten. Dieser Problematik galt nun seine ganze Aufmerksamkeit. Schließlich kam er zu dem Schluß, daß nicht der Lernstoff das Problem war, sondern das Prinzip oder die Methode, wie den Kindern der Lernstoff vermittelt wurde. Suzuki stellte sich das Ziel, in seinem Bereich Bedingungen zu schaffen, unter denen jedes Kind erfolgreich lernen kann.

Das Konzept von Suzukis Unterrichtsmethode

Zu den Obersten Grundsätzen der Suzuki-Methode gehört, daß jedes Kind sein eigenes Lerntempo entsprechend seiner Konzentrationsspanne sowie seiner Bereitschaft selbst bestimmt. Den kleinen Kindern müssen wir beim Erlernen des Instrumentes den gleichen persönlichen Eigenrhythmus zugestehen, wie beim Laufen- und Sprechen lernen. Dabei ist auch von besonderer Wichtigkeit, daß kein Zwang angewendet wird. Dieser wird durch Respekt und Ermutigung ersetzt. Auf diese Weise wird eine ganz natürliche musikalische Entwicklung entstehen und das Kind wird Vertrauen und eine tiefe Verbindung zu seinem Instrument aufbauen.

Spiel ohne Noten ist ein wesentliches Merkmal der Suzuki-Methode. Während der ersten Unterrichtsjahre erlernt das Kind sein Instrument durch Hören, Beobachten und Nachahmen. Auf diese Weise hat es auch das Sprechen gelernt. Das Kind kann sich so viel besser auf die Technik, Haltung und den musikalischen Ausdruck konzentrieren. Diesen Schritt leitet Suzuki auch von dem natürlichen Vorgang des Sprechenlernens ab: Zuerst Sprechen, danach Lesen.

Mit dem Notenlesen wird meistens dann begonnen, wenn die Kinder in der Schule das Lesen erlernt haben (Alter: ungefähr 7-8 Jahre) bzw. wenn sie eine gewisse Sicherheit auf ihrem Instrument erlangt haben (nach ungefähr 1-2 Jahren Unterricht).

Das Kind soll regelmäßig CDs bzw. Kassetten mit den zu erlernenden Stücken anhören. Auf diese Weise werden sich von Anfang an ein qualitativ guter Klang, ein präziser Rhythmus, die richtige Intonation und musikalische Gestaltungsmöglichkeiten einprägen.

Die Tatsache, daß kleine Kinder über die Fähigkeit und Begabung verfügen, Dinge zu beobachten und nachzuahmen wurde von Suzuki systematisch für das Erlernen des Instrumentalspiels genutzt. Das Kind beobachtet die Bewegungsvorgänge beim Geigenspiel der Lehrer, anderer Kinder und der Eltern (ein Elternteil soll die allerersten Anfänge des Geigenspiels erlernen damit er später beim Üben zu Hause kompetent unterstützen kann).

Gruppenunterricht

Foto einer Geigenschüerin.

Herbstworkshop 2008

Charakteristisch für die Suzuki-Methode ist auch eine große Vielzahl von Unterrichtsveranstaltungen. Einzel- und Gruppenunterricht in verschiedenen Varianten werden durch Workshops, kleine Vorspiele und große Gruppen-, Solo-, Kammer- sowie Orchesterkonzerte bereichert. Die einzelnen Veranstaltungen ergänzen sich, so dass eine kontinuierliche und systematische Weiterentwicklung in technischer und musikalischer Hinsicht gesichert wird.

Während im Einzelunterricht die Stärken jedes Kindes gefördert und individuell gearbeitet wird, stehen im Gruppenunterricht andere Elemente im Mittelpunkt. Hier werden unter anderem vielfältige Bewegungs- und Reaktionsspiele mit dem Ziel durchgeführt, die motorischen Fähigkeiten des Kindes auszuprägen. Solche Spiele stellen zudem eine Auflockerung des Unterrichts dar und erhöhen den Spaß am Musizieren. Auch im Gruppenunterricht wird das bereits Erlernte wiederholt, um so das Kind zusätzlich zu motivieren.

Die Vorzüge des Gruppenunterrichts liegen auf der Hand:

  • das Kind wird durch das Zusammenspiel mit anderen Kindern zusätzlich motiviert
  • das gemeinschaftliche Musizieren vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit
  • Ausprägung der sozialen Komponente in der Persönlichkeitsentwicklung
  • Förderung der Teamfähigkeit durch das Spiel im Ensemble
  • Abbau von Vorspielängsten
  • Förderung von Selbständigkeit
  • Entwicklung einer kritischen Haltung gegenüber sich selbst und Förderung der Entscheidungsfähigkeit
  • Unterstützung der Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer
  • Förderung der Selbstbeobachtung durch Fremdbeobachtung
  • vielfältigere Lernaktivitäten
  • erweitertes methodisches Repertoire

Wiederholung – eine unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung von Fähigkeiten

Es ist eine Eigentümlichkeit fast aller kleinen Kinder, dass sie von sich aus durch beständiges Wiederholen den Lernprozess vorantreiben. Unter Anwendung dieses Prinzips haben sie laufen gelernt, ihr Sprechen und ihre sprachlichen Fähigkeiten weiterentwickelt und viele weitere Fähigkeiten ausgeprägt und verbessert. Es bedarf für sie keiner Überwindung oder Selbstdisziplin, wenn es darum geht, ihren Wortschatz zu erweitern oder sicherer laufen zu lernen. Sie werden dabei von dem Wunsch angetrieben, ihren Lebensraum zu erweitern und/oder von der Neugier angetrieben, Unbekanntes zu entdecken und für sich zu erschließen.

Suzuki hat festgestellt – und dies deckt sich mit dem, was auch heute immer wieder beobachtet wird – dass die meisten Kinder immer wieder ein und dieselbe Geschichte oder ein und dasselbe Lied hören, ohne dass es ihnen überdrüssig wird. Kinder empfinden also Wiederholungen oder das Wiederholen von Gelerntem nicht als monotone Beschäftigung.

Überträgt man nun dieses Phänomen auf den Intrumentalunterricht, so wiederholt das Kind regelmäßig alle bisher erlernten Übungen und Stücke – so wie beim Sprechen ja auch immer der gesamte Wortschatz einbezogen wird und nicht nur das zuletzt erlernte Wort. Auf diese Weise festigen und erweitern sich unmerklich die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit sowie das Gedächtnis. Durch die ständige Wiederholung vertieft sich selbstverständlich auch das Können des Kindes.

Die Rolle der Eltern

Es ist eine Erfahrungstatsache, dass Kinder im Vorschulalter noch nicht allein sinnvoll üben können. Selbst für ein Schulkind ist es von großm Nutzen, wenn es ein Elternteil während der ersten Unterrichtsjahre unterstützt. Hiervon ausgehend werden die Eltern von Anfang an in das Unterrichtsgeschehen eingebunden. Es ist notwendig, dass sie beim Unterricht dabei sind. Der Einfluss der Eltern kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, denn ihr Einsatz und ihre Haltung sind oft entscheidend für den Unterrichtserfolg.

Die Eltern werden einbezogen.

Sie lernen selbst zuerst die Anfänge des Geigenspiels, damit sie dessen Schwierigkeiten besser kennen und verstehen. Der Einfluss der Eltern auf ihr Kind ist besonders stark. Durch ihr tägliches Verhalten, die Art und Weise, wie sie mit ihrem Kind spielen, es loben usw., motivieren sie ihr Kind und tragen wesentlich zum Erfolg der Ausbildung bei.